Tough Choices: Muss man alles für den Sport aufgeben?
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Gastbeitrag von Miranda Wilson
Herzlich willkommen zum ersten Blogartikel dieser Reihe.
Mein Name ist Miranda Wilson, ich bin Badminton Nationalspielerin, 26 Jahre alt und lebe und trainiere am Bundesstützpunkt in Mülheim an der Ruhr. Bereits mit 16 Jahren habe ich für mich einen damals großen Schritt gemacht und bin aus meiner Heimatstadt Stuttgart nach Mülheim gezogen, um meinen sportlichen Weg weiterzugehen. Seitdem hat Badminton nicht nur meinen Trainingsalltag geprägt, sondern stand auch im Mittelpunkt vieler Entscheidungen: während meiner Internats- und Schulzeit in Mülheim, in Wettkampf- und Trainingsphasen, aber auch im privaten Umfeld.
Egal, wofür man sich im Leben entscheidet: Wenn man etwas intensiv verfolgt und sich Ziele setzt, fließt ein großer Teil der eigenen Aufmerksamkeit und Energie hinein. Im Leistungssport ist das besonders deutlich. Wir stehen jede Woche etwa 20 bis 25 Stunden in der Halle und richten einen großen Teil unseres Alltags am Training aus. Dazu kommen Athletiktraining, Physio, Regeneration, Wettkämpfe, Reisen und die Vorbereitung auf die nächsten Aufgaben.
„Jedes Ziel hat seinen Preis“. Diesen Satz kennen wahrscheinlich viele. Die bekannte Badminton-Kommentatorin Gill Clark hat diesen Gedanken in einem Instagram-Post über Motivation und die Träume, die Athlet:innen antreiben, vor einigen Jahren noch schöner auf den Punkt gebracht. Sie nannte es „Tough Choices“. Damit sind Entscheidungen gemeint, die jede:r Athlet:in trifft, um den sportlichen Weg weiterzugehen, die eigenen Träume zu verfolgen und vielleicht eines Tages bis an die Spitze zu kommen. Und damit hat sie Recht. Große Ziele verlangen Zeit, Energie und manchmal auch Entscheidungen, bei denen andere Dinge vorübergehend weniger Raum bekommen.
Wenn man Profisportler:innen zusieht, bekommt man jedoch häufig das Bild, dass alles, wirklich alles, nur auf den Sport ausgerichtet ist. Wie viel man trainiert, welche Wettkämpfe man spielt, was man isst, wie man schläft, sogar welche Bücher man liest und wie viel Sozialleben man hat. In jedem Aspekt des Lebens ist der Sport priorisiert. Von außen wirkt es manchmal so, als würden Athlet:innen alles auf eine einzige Karte setzen, und genau das wäre der einzige Weg.
Aber ist es wirklich so, dass man alles auf eine einzige Karte setzen sollte?
Aus meiner Sicht nicht.
Identity House: Das Leben besteht nicht nur aus einem Raum
Brad Stulberg beschreibt das in seinem Buch The Way of Excellence anhand eines sogenannten „Identity House“. Die verschiedenen Bereiche des eigenen Lebens haben darin jeweils einen eigenen Raum: den Raum Sport, den Raum Familie, den Raum Freund:innen und vielleicht auch den Raum Studium.
Sollte ein Zimmer, wie zum Beispiel das Zimmer Sport, einmal überflutet oder beschädigt sein, kann man vorübergehend in einen anderen Raum ausweichen. Man hat die Möglichkeit, woanders hinzugehen. Besteht das eigene Haus aber nur aus einem einzigen Raum, gibt es keinen Ort, an den man ausweichen kann, oder das Haus kollabiert sogar in Gänze.
Natürlich verbringt man nicht immer gleich viel Zeit in jedem Zimmer. In manchen Phasen ist man mehr im Zimmer Sport, in anderen mehr im Zimmer Familie, Freund:innen oder Studium. Das entscheidet jede:r selbst. Wichtig ist aber, dass man in seinem Haus nicht nur auf einen einzigen Raum setzt. Das bedeutet nicht, dass man den Sport weniger ernst nimmt oder sich nicht voll auf seine Ziele konzentriert. Im Gegenteil. Ich glaube, dass andere Bereiche im Leben gerade dabei helfen können, langfristig mit dem Leistungssport umzugehen. Wer nur auf eine Karte setzt und keinen Raum für ausgleichende Aktivitäten oder Dinge schafft, die einem Freude machen, für den kann es in schwierigen Phasen eine harte und trockene Reise werden.
Wie schwere Phasen aussehen können, erlebt jede:r Athlet:in anders. Für mich war es meine erste größere Verletzung, die mich fast zwei Jahre aus dem regulären Wettkampfbetrieb geworfen hat. Ein Jahr davon bestand fast ausschließlich aus Reha. Ich musste mich Schritt für Schritt zurück aufs Feld kämpfen. Diese Zeit war sehr prägend. Wenn man nicht mehr täglich auf dem Feld stehen kann, wird plötzlich klar, wie wichtig andere Dinge sind, die einem Freude bereiten. Diese weiteren Räume im eigenen Haus können gerade in einer manchmal langen und trockenen Reha ein wertvoller Teil des Alltags sein.
Auch wenn ein Identity House niemals nur aus einem Raum bestehen sollte, wird jede:r früher oder später eigene „Tough Choices“ treffen müssen. Vor allem in einem Umfeld wie dem Leistungssport, in dem Leistung eine so große Rolle spielt.
Für mich denke ich dabei vor allem an die Musik. Als Kind einer Musikerfamilie ist sie ein so fester Bestandteil meines Lebens, dass sie nicht wegzudenken ist. Jahrelang konnte ich sowohl den Sport als auch die Musik gleichzeitig intensiv verfolgen. Je besser ich aber im Sport wurde, desto weniger Zeit blieb für intensive musikalische Dinge wie Konzerte, Wettbewerbe oder Kammermusik. Der kleine Traum vom Geigenstudium rückte deshalb weiter nach hinten. Denn ganz ehrlich: Sowohl Musik als auch Sport sind Bereiche, die einem sehr viel abverlangen. Wenn man in beiden wirklich hohe Ambitionen hat, kann man ihnen nicht gleichzeitig vollständig gerecht werden. Bei der Musik weiß ich aber, dass sie mich für immer begleiten wird. Der Leistungssport hingegen ist nur auf wenige Jahre begrenzt. Für diese Zeit muss die Musik sich also etwas weiter hinten anstellen. Sie bleibt für mich aber ein wichtiger Ausgleich und ein fester Raum in meinem „Identity House“. Ein Raum, der immer da ist, auch wenn ich mich aktuell weniger darin aufhalte.
Bei jeder „Tough Choice“ fühlt man vielleicht auch ein Stück Schmerz oder Verlust. Man entscheidet sich bewusst für einen Weg und damit gleichzeitig gegen mögliche andere Wege. Trotzdem kann eine solche Entscheidung richtig sein, wenn man für sich weiß, warum man sie trifft. Am Ende bleibt aber immer die Frage: Ist es mir das wert, wofür ich es tue? Wenn man diese Frage für sich ehrlich mit Ja beantworten kann, dann ist es wahrscheinlich eine gute Entscheidung.